In einer gemeinsamen Presseerklärung haben heute alle Bundestagsabgeordneten der Partei Die Linke und von Bündnis 90/Die Grünen angekündigt, künftig einen Teil ihrer Abgeordnetendiäten zu spenden.
Konkret sollen alle Einkommensteile oberhalb eines Selbstbehalts von 2.000 Euro (Alleinstehende) beziehungsweise 3.500 Euro (Abgeordnete mit Kindern) an die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) abgeführt werden.
Ziel, so heißt es, sei die Förderung von Bildungs- und Zukunftsperspektiven junger Menschen. Man wolle damit langfristig soziale Ungleichheit abbauen, Bildungsbiografien stärken und gesellschaftliche Teilhabe verbessern.
Auf den ersten Blick wirkt dieser Schritt altruistisch. Doch bei näherer Betrachtung wirft die Initiative Fragen auf – nicht nur zur Symbolik, sondern vor allem zur Glaubwürdigkeit, zur strukturellen Verantwortung und zur eigenen personellen Realität der beteiligten Parteien.
Ein niedriger Selbstbehalt – und ein hohes Gehalt
Die Diäten eines Bundestagsabgeordneten liegen derzeit bei rund 11.200 Euro brutto pro Monat, zuzüglich steuerfreier Kostenpauschalen.
Ein Selbstbehalt von 2.000 bzw. 3.500 Euro bedeutet faktisch:
Der Staat garantiert weiterhin ein Einkommen deutlich oberhalb des deutschen Medianlohns – die Spende betrifft ausschließlich den darüber hinausgehenden Teil.
Die Maßnahme verändert damit nicht die Grundstruktur der parlamentarischen Vergütung, sondern ist eine freiwillige Umverteilung nach Mandatserlangung.
Kritiker merken an:
Wenn Parteien der Auffassung sind, dass hohe Diäten sozial problematisch sind – warum fordern sie dann keine strukturelle Reform, sondern beschränken sich auf symbolische Selbstverpflichtungen?
Die unbequeme Frage: Wer sitzt eigentlich im Parlament?
Besonders brisant wird die Debatte, wenn man sich die beruflichen Hintergründe vieler Abgeordneter ansieht – nicht nur, aber auffällig häufig in den Reihen von Linken und Grünen.
Ein Blick auf die Berufsangaben des Bundestages (Stand 2025/2026) zeigt:
- 40 Abgeordnete geben als Beruf schlicht „Politiker“ an
→ ohne nähere Angaben zur vorherigen Erwerbstätigkeit - 36 Politologen, darunter auch der SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil
- 23 Sozialwissenschaftler bzw. Sozialarbeiter
- 25 Lehrer
- 22 Ingenieure
- 17 Handwerker – das sind lediglich 2,7 % der Abgeordneten
(bei rund 8 % in der Gesamtbevölkerung) - 15 Unternehmer
- 14 Ärzte
- 10 Soldaten, 9 Polizisten
- 8 Journalisten
- 5 Landwirte
- 7 Abgeordnete, die sich selbst als Studenten bezeichnen
Hinzu kommen Abgeordnete ohne abgeschlossene Berufsausbildung oder Studium – häufig junge Parlamentarier, die direkt aus Hochschulen, Parteijugenden oder politischen Organisationen ins Parlament gewechselt sind.
Abgeordnete ohne Abschluss – Einzelfälle mit Systemcharakter
Über alle Fraktionen hinweg gibt es Abgeordnete ohne formalen Abschluss. Doch Grüne, Linke und SPD sind hier überdurchschnittlich häufig vertreten.
Beispiele (Stand 2026):
- Omid Nouripour (Grüne): mehrere Studiengänge ohne Abschluss
- Katrin Göring-Eckardt (Grüne): Theologiestudium ohne Abschluss
- Emilia Fester (Grüne): Einzug in den Bundestag ohne Berufsabschluss oder Studium
- Kevin Kühnert (SPD): kein Studienabschluss, zwei abgebrochene Studiengänge
- Daniela Rump (SPD): Jurastudium vor Mandatsübernahme nicht abgeschlossen
- Luke Hoß (Linke): begonnene Rechtswissenschaften, kurze Berufstätigkeit
Rechtlich ist das unproblematisch – das passive Wahlrecht verlangt keinen Abschluss.
Politisch jedoch stellt sich die Frage: Welche Lebensrealität prägt Entscheidungen im Parlament?
Symbolische Spende vs. strukturelles Problem
Die Spende an die DKJS ist zweifellos gut gemeint.
Doch sie adressiert nicht das Kernproblem, das viele Bürger wahrnehmen:
Politik erscheint zunehmend als Karriereweg ohne externe Leistungsprüfung.
Wer früh in Parteistrukturen eintritt, Jugendorganisationen durchläuft und Mandate aneinanderreiht, kann ein Spitzengehalt erreichen, ohne jemals außerhalb der Politik Verantwortung getragen zu haben – für Unternehmen, Arbeitsplätze, Budgets oder persönliche Haftung.
Die Spende wirkt vor diesem Hintergrund weniger wie Selbstkritik, sondern eher wie ein moralisches Ausweichmanöver:
Man kompensiert strukturelle Defizite durch symbolische Großzügigkeit.
Ein Parlament ohne Lebensvielfalt?
Besonders auffällig ist die Unterrepräsentation von Handwerkern, Selbstständigen und Praktikern.
Menschen, die Insolvenzen erlebt, Personal geführt, Löhne gezahlt oder Betriebe aufgebaut haben, sind im Bundestag eine Minderheit.
Gleichzeitig dominieren akademisch-politische Biografien.
Ironischerweise liegt die Akademikerquote im Bundestag bei über 80 %, während dennoch regelmäßig über „bildungsferne Milieus“ gesprochen wird – oft von Personen, deren eigene Bildungs- und Berufswege außerhalb der Politik begrenzt waren.
Fazit: Gute Absicht, falscher Fokus
Die Spendeninitiative von Linken und Grünen ist kein Skandal.
Aber sie ist auch keine Lösung.
Sie lenkt den Blick auf Geld – und weg von der entscheidenden Frage:
Wie stellen wir sicher, dass das Parlament fachlich, beruflich und lebenspraktisch breit aufgestellt ist?
Solange Politik als geschlossener Karrierepfad funktioniert, hilft auch die großzügigste Spende nicht, das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen.
Denn Demokratie lebt nicht von Almosen –
sondern von Kompetenz, Verantwortung und echter Lebenserfahrung.
Dass Abgeordnete der Linken und der Grünen seit Jahren Teile ihrer Diäten abführen oder über einen Diätendeckel diskutieren, ist dabei unbestritten.
Doch diese Praxis ändert nichts an der eigentlichen Frage, die dieser Befund aufwirft: ob ein Parlament, in dem politische Karrieren immer häufiger ohne abgeschlossene Ausbildung oder relevante Berufserfahrung beginnen, seiner fachlichen Verantwortung noch gerecht wird.









